texte | begrüßung - vernissage HWK  
     
 

Guten Abend,

ich freue mich, Sie zu der Vernissage von Brigitte Schwarz begrüßen zu dürfen. Sie lädt uns heute zu einer Werkschau über 15 Jahre ein mit ganz unterschiedlichen Arbeiten: Stelen, ungebrannte Skizzen aus Ton, Skulpturen von Frauenkörpern, mal verfremdet, mal nah am Modell und als zentrales Moment in der Mitte: die Mitte. Da ich seit Jahren die Arbeit von Brigitte Schwarz verfolge, werde ich Ihnen nun ein paar Geschichten über die Skulpturen erzählen, Hintergründe über den Arbeitsprozess aufdecken und Sie auf einige wichtige inhaltliche und formale Themen in den Arbeiten aufmerksam machen.

Vielleicht fangen wir- da wir ja in der Handwerkskammer sind, mit dem Handwerklichen an. Ich möchte hier näher auf die Arbeitsschritte mit Ton eingehen. Bevor überhaupt etwas entsteht, muss man die Tonerde schlagen, um sie geschmeidig und weich zu machen. Diese schweißtreibende Arbeit ist die erste Annäherung an das Material, ein Vertraut werden, wie der Ton in der Hand liegt. Während des Schaffensprozesses an der Form wächst das innere Bild in die Skulptur hinein. Ab einem bestimmten Augenblick hat die Figur eine "Persönlichkeit". Ist nun die Skulptur fertig modelliert, wird sie zerschnitten, diese Stücke werden mit einem entsprechenden Werkzeug aushöhlt und wieder zusammensetzt. Dieser Prozess schafft einen neuen verborgenen Raum innerhalb der Figur, so entstehen durch das Aushöhlen ein Innen und ein Außen, eine positive und eine negative Form wie zwei Seiten einer Medallie. Im letzten Arbeitsschritt mit der Form beginnt die Feinarbeit an der Oberflächenstruktur. Nach dem Trocknen wird zum ersten Mal gebrannt - immer mit dem Risiko, dass die Figur der Hitze nicht standhält und zerstört wird. Überlebt sie den Brand, wird sie eingefärbt, getrocknet und ein zweites Mal gebrannt. Bis eine Figur fertig gestellt ist, braucht Brigitte Schwarz ungefähr zwei Monate. Das zum Thema Handwerk.

Wenden wir uns jetzt den Inhalten zu:
Das älteste Werk ist eine Skizze - entstanden während einer Akademiearbeit. Menschen in verschiedenen Bewegungen - schnell gearbeitet und ungebrannt. Damit sind wir bereits bei einem großen Themenkomplex: die Bewegung. Ein Widerspruch, denn die Skulptur ist ja eigentlich starr. Trotzdem gelingt es Brigitte Schwarz immer wieder, einen Moment aus einer Bewegung herauszugreifen und gerade diesem größte Aufmerksamkeit zu schenken.

Schauen Sie sich die Schwünge an! Ein bestimmter Drehmoment wird festgehalten, aber die Bewegung könnte auch weiterlaufen. An den verschiedenen Drehungen arbeitet sie immer wieder, sei es realistisch wie im blauen Schwung, verfremdet wie in Olympia oder an Kubismus erinnernd im sitzenden weißen Akt. Im Leben ist es eine hohe Kunst, zu unterscheiden, an welcher Stelle ich stehen bleibe und die Stirn biete, wann ich eine andere Richtung einschlagen will, wann ich Dingen entgegengehe. Die Fähigkeit, sich durch eine leichte seitliche Drehung aus der Schusslinie zu bringen, erweitert in jedem Falle das Handlungsspektrum.

Ein zweites Thema ist die Aufrichtung  und Ausrichtung nach oben. Da zeigt die Künstlerin ihr ganzes Arbeitsspektrum. Da sind zum einen die Stelen. In der Gipsstele Knoten im Bauch wird es sehr deutlich, denn die Figur ist allein durch ihre Haltung nach oben ausgerichtet. Auch inhaltlich soll der Knoten im Bauch - noch sichtbar - im Kopf - durch die Spirale angedeutet-aufgelöst werden. Wieder fließt die Energie von unten nach oben. Diese Stele ist eine Weiterentwicklung von Stelen von vor 10 Jahren, die sich auch mit den Knoten im Bauch beschäftigten. Da fand die Auflösung noch im Bauch statt. Die kleinen Skulpturen wie die Engelstele grün oder Stele dunkel strecken sich als Engel bis in den Himmel nach oben. Aber auch in figürlicheren Arbeiten wie Stelenfrau oder eine der Fischfrauen  wird mit der Aufrichtung thematisch gespielt. Die kleine Fischfrau im Sprung verharrt genau in dem Moment, der dem Sprung vorausgeht. Sie streckt die Arme in die Höhe. Alle, die jemals ins (kalte) Wasser gesprungen sind, kennen dieses winzige Zeitfenster, in dem wir uns fragen: Springen wir oder lassen wir es? Welch eine Gefühlsfülle überschwemmt uns, wenn wir springen: Freude gepaart mit Angst und  gleichzeitigem Stolz über unseren Mut. Anders als bei uns scheint die Fischfrau aus einer fremden Welt in ihr vertrautes Element Wasser zurückzuspringen.

Als letztes möchte ich noch auf einen formalen Aspekt eingehen: die Kugel. Ein gerundetes System in sich geschlossen. Arbeiten, die sich in sich runden, tauchen erstmals seit 2007 auf. Wir finden diese Form in die Mitte und in den Steinfrauen. Eine erste Annäherung  ist in das Schwere und das Leichte aus dem Jahr 2003 zu finden. Dort deutet sich die Kugel schon an, aber der Körper ist noch figürlich zu erkennen. Inhaltlich beschäftigte sich die Künstlerin in dieser Arbeit mit dem Gegensatzpaar: schwer und leicht. In die Mitte wird die Balance zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen gesucht und die beiden Seiten gleichwertig nebeneinander ergeben ein Ganzes, einen intakter Körper, der sich in eine Welle zu geben scheint. Mit der Schaffung dieses Gleichgewichts sind wir auch ganz nah an vielen politischen Fragen und vielleicht auch an einer Antwort.

Seit 2007 kreist Brigitte Schwarz um die Mitte, die sie zunächst als kleine Skulpturen in Ton erstellte. Dabei zersprangen die Figuren zweimal  während des Brennens, was sonst selten passiert. Die Mitte war noch nicht gefunden. Eine Arbeit bekam eine heile Haut aus Gips, Sie können sie in der Ausstellung sehen. Sie trägt den ersten Versuch in Ton noch in sich und damit auch die Verletzung, die äußerlich nicht sichtbar ist. Das kennen wir alle. Die große Mitte begleitete sie durch die gesamte Zeit der Ausstellungsvorbereitung und ist von daher auch die zentrale Arbeit. Jetzt sind wir in der Mitte angekommen.

Ich danke für ihre Aufmerksamkeit und wünsche viel Spaß beim Schauen.

Andrea Michel

 
     
  der schwung .. von dr. ingeborg besch

 
   
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