texte | der schwung  
     
 

Die menschliche Figur ist ein Thema der Gestaltung seit Tausenden von Jahren. Der Mensch erkundet seinen Leib, begreift, dass alles Leben davon abhängt und sieht die vielfältigen Möglichkeiten, die Arme, Beine, Finger, Augen usw. bieten. Ohne Unterbrechung sind wir ein Leben lang mit dem Leib, dem Körper zusammen. Würden das Bewusstsein, die Gedanken und Gefühle ganz und gar identisch mit dem Leib, der Existenz in Fleisch und Blut, zusammen fallen, wäre das Sprechen darüber ein Anderes und wäre die Gestaltung eine andere. Deshalb geben uns gerade die Artefakte, die Menschen hervorbringen, Einblicke in die unzähligen Möglichkeiten, die leibhaftige Existenz zu begreifen. Das gilt nicht nur für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, das gilt am Ende für jedes Individuum.

Mit der Arbeit, der Schwung, widmet sich Brigitte Schwarz der weiblichen Figur. Die Grundform Torso gehört in die Stilgeschichte des 20. Jahrhunderts. Das Pars pro Toto, die gebündelte Aufmerksamkeit auf einen wesentlichen Aspekt, anstelle erzählender Vielfalt, das ist das Anliegen, was hinter diesem eigenwilligen Topos steht. Wäre etwa der Kopf mit dem Antlitz mit von der Partie, so würde schon die Form des Gesichtes unseren Blick und unsere Aufmerksamkeit fokussieren. Da ein Antlitz immer mit Ausdruck aufgeladen wird, schweifen die Beobachtungen und Gedanken sogleich in den unsichtbaren Bereich von Seele und Gemüt. Der Körper selbst, Beine, Bauch, Busen, Schultern, die Proportionen derselben und ihre Haltung, träten zurück in eine dienende Funktion.

Aber eine Seelen- oder Charaktererkundung oder -aussage via Ausdruck will die Künstlerin vermeiden. Ihr Thema ist der Leib. Das üppig ausladende Becken und voluminöse Schenkel und Pobacken bilden die Sockelzone. Sie verkörpern die erdverbundene Stabilität der Figur, deren Dynamik in der Leibesmitte die Richtung wechselt. Mit dem Aufbau der Oberschenkel und der Bauchrundung drängt die Figur nach vorne, um mit Oberkörper und Schultern zurückzuweichen. Den schwungvollen Übergang thematisiert die feine Linie, die vom stilisierten Dreieck der Schambehaarung über den ebenfalls im Dreieck stilisierten, nur viel kleineren Bauchnabel, hinaufführt zum Bereich des Brustbeins. So schwungvoll und schmiegsam die Dynamik, so heftig die Gegensätze: Der üppige Sockelbereich trägt einen schmalen Oberkörper mit kleinen, feinen Brüsten und schmalen Schultern. 
 
Fülle des Leibes und wendig leichte Beweglichkeit in Schwung und Drehung, feine Oberfläche und nervige Schründe, geometrische Elemente und sinnliche Anmutung, üppig und zierlich – die Künstlerin führt in Synthese, was wertende Systeme gerne trennen. Die Arbeit inkarniert gleichermaßen Lebensfülle und sinnliche Präsenz, wie dynamischen Bewegungsdrang. Sie vereint das Passive, das einfach „Dasein“, welches Raum verdrängt mit der linearen Bewegung, die sich im Raum entfaltet. Sie vereint Geist und Materie, Intellekt und Gefühl.

Dr. Ingeborg Besch

 
     
  vernissage HWK - begrüssung .. von andrea michel  
   
copyright © 2011 alwin alles